Michael stand neben seinem Bett und schaute zu seinem Leibarzt, Dr. Conrad Murray, der verzweifelt eine Herzmassage an seinem leblosen Körper durchführte. Murray schwitzte und an seinem weißen Hemd waren große feuchte Stellen zu sehen. Jetzt riss er mit einem kräftigen Ruck Michaels Hemd auf und entfernte die Elektroden von seiner Brust. Der Kontrollmonitor gab einen eintönigen Dauerton von sich und verlieh der Situation eine erdrückende Stimmung. Murray stoppte mit der Herzmassage, beatmete Michael kurz und setzte dann die Massage fort.
„Komm schon, Michael,“ gab er in beschwörendem Ton von sich, „komm zurück.“

smile with love coverUm das Bett herum lagen Spritzen und der Inhalt seiner Behandlungstasche hatte er in seiner Panik über den Boden verstreut. Auf einem kleinen Regal standen Unmengen von Arzneiflaschen und Medikamentendöschen. Links neben dem Bett waren drei verschieden große Sauerstoffflaschen inklusive Atemmasken in speziellen, fahrbaren Gestellen deponiert. Es war kurz vor Mittag und die Sonne drang durch die beiden Fenster, obwohl sie mit dicken Vorhängen verdunkelt waren. Einer der Sonnenstrahlen fiel auf einen verspielt verzierten Wandspiegel und von dort direkt auf Michaels Gesicht.
Dr. Murray hatte ihn während zahlreicher Nächte betreut und mit diversen Beruhigungs- und Schlafmitteln versorgt. Hierunter gab es Nächte, die den Arzt an seine Grenzen gebracht hatten, speziell in den Zeiten, in denen Michael als medikamentenabhängig bezeichnet wurde. Seit er allerdings an den Arbeiten zu seiner neuen Show „This is it“ begonnen hatte, war er innerlich wesentlich ausgeglichener und benötigte seltener Einschlafhilfen.
Deshalb konnte sich Murray auch nicht erklären, was hier eigentlich passierte: sein prominenter Patient hatte seit nunmehr einer halben Stunde keinen Herzschlag mehr – er war tot.
Trotzdem hörte Murray nicht auf, sein Herz zu massieren.
„Warum legt der Doc mich nicht auf den Boden?“ fragte Michael leise vor sich hin und schüttelte seinen gesenkten Kopf, „der muss doch wissen, dass eine Herzmassage auf der weichen Matratze nicht viel bringt?“
„Michael,“ drang es aus dem vollkommen verängstigten, erschöpften und verzweifelten Murray heraus, „das kann doch nicht sein.“ Er stoppte die Reanimationsversuche und sank weinend auf dem leblosen Körper nieder.
„Warum ist er denn so verzweifelt?“ murmelte Michael.
„Er denkt, er habe Schuld an deinem Tod.“ erwiderte eine  sanfte Stimme, die hinter Michaels Rücken erklang. Der drehte sich aber nicht um – zu gebannt war er von seinem leblosen Körper und dem weinenden Dr. Murray.
„Er ist nicht schuld,“ flüsterte Michael.
Murray stand auf und verließ das Zimmer.
Michael näherte sich dem Bett um seinen Körper einige Minuten wehmütig zu betrachten.
„Er ist nicht schuld,“ wiederholte er.
„Er weiß aber nicht, was wirklich passiert ist.“ sagte die Stimme hinter Michael, der sich diesmal umdrehte. Sein Gesicht hellte sich für einen Moment auf und er lächelte. In einer hellen Ecke des Raumes entdeckte er einen großen schlanken Mann mit langen schwarzen Haaren, der mit einem weißen Umhang bekleidet war. Er hatte einen langen Stab in der Hand und er stand – in einem Holzboot. Das etwa drei Meter lange Boot stand in der Ecke des Zimmers vor einer großen Kommode und sein Heck steckte zum Teil in der Wand oder vermischte sich mit dieser. Die dunklen Holzplanken waren nass und tropften.
„Du ruinierst mir meinen Schlafzimmerboden“, sagte Michael.
„Das kann dir doch jetzt wohl egal sein, oder?“ erwiderte der junge Mann mit freundlicher Stimme.
In diesem Moment wurde die Türe aufgestoßen und Dr. Murray eilte herein. Er zerrte den toten Körper vom Bett und legte ihn auf den Boden. Dann steckte er ihm eine Infusion ins Bein und begann wieder mit der Reanimation. Michael war mit einem Satz auf die Seite gesprungen und betrachtete erstaunt die Szene. Dann wurde die Türe erneut aufgestoßen und Rettungssanitäter betraten den Raum.
„Michael Jackson!“ stieß einer von ihnen aus. Sie schoben Dr. Murray beiseite und kümmerten sich um den leblosen Körper des King of Pop.
„Zu spät.“ sagte Michael traurig.
„Komm, wir verschwinden von hier“, sagte der Mann im Holzboot, „es wird hier zu voll und ich mag solche Räume nicht.“
„Was hast du gegen mein Schlafzimmer?“ wollte Michael wissen. Der junge Mann schaute sich um.
„Dir ist schon klar, dass dein Schlafzimmer aussieht, wie eine gut sortierte Intensivstation?“ sagte er, „nur, dass in deinem Schlafzimmer im Moment mehr Fachpersonal herumläuft als in einer gut sortierten Intensivstation.“
„Ja ja, ist schon gut“, antwortete Michael, „was willst du eigentlich hier?“
„Michael, ich bin hier, um dich abzuholen.“ sagte der junge Mann mit einem liebevollen Lächeln.
„Mit einem Holzboot?“ entgegnete Michael, „ist dir da nichts besseres eingefallen?“
„Ich dachte, jemandem, der jahrelang in seinem eigenen Disney Land gelebt hat und sich für Peter Pan hält, könnte das gefallen.“ sagte der junge Mann und grinste gütig.
„Ist ja schon gut. Wie heißt du eigentlich?“ wollte Michael wissen. Der junge Mann schaute ihm in die Augen.
„Du erinnerst dich nicht?“
„Du kommst mir bekannt vor. Müsste ich mich an dich erinnern?“
„Keine Bange, du wirst dich noch erinnern. Du kannst mich Jesus nennen. Komm, steig in das Boot.“
„Nutzt mein Schlafzimmer als den See Genezareth und nennt sich selbst Jesus – Humor scheinst du ja zu haben“, sagte Michael. Er ging auf das Boot zu und schaute sich noch einmal traurig nach dem regen Treiben in seinem Schlafzimmer um.
„Steig ein, Michael. Hier gibt es nichts mehr für dich zu tun.“
Mit gesenktem Kopf stütze er sich an Jesus´ Schulter und stieg in das Boot.
„Hey“, gab er von sich, „dein Boot ist undicht.“
„Hör auf zu meckern und sag mir lieber, wohin du nun möchtest.“ sagte Jesus.
„Ich möchte erst einmal dahin, wo ich mich wohl fühle und wo ich Ruhe finden kann. Ich muss nachdenken.“
Unter dem Boot entwickelte sich ein Luftwirbel, der immer stärker wurde und das Boot in eine undurchsichtige nebelhafte Spirale hüllte.
„Das ist ja ein Effekt aus meiner Bühnenshow“, sagte Michael und Jesus grinste: „Ich wusste, dass dir das gefällt.“