Als die Umgebung nur wenige Momente später wieder klarer wurde, schaukelte das Boot immer noch. Johannes war auf einer Wasserfläche gelandet – allerdings auf einer recht überschaubaren.
„Du weißt schon, dass du dein Boot auch auf festem Boden landen kannst.“ sagte Jesus.
„Natürlich weiß ich das“, antwortete Johannes, der mit ein paar Ruderschlägen das Ufer eines winzigen Wasserreservoirs erreicht hatte, „aber ich bin nun mal ein Fischer und finde, Boote gehören ins Wasser.“
Als die drei festen, spanischen Boden unter den Füßen hatten, deutete Johannes in westlicher Richtung auf ein großes Gebäude. In Sichtweite zahlloser Weinfelder, die mit rötlicher Erde bedeckt waren, überquerten sie einen kleinen Acker und erreichten einen mit Kies bedeckten Feldweg.

michael jackson stage„Meine Herren“, sagte Johannes stolz, „wir befinden uns nun auf dem Jakobsweg.“
Michael schaute vor sich auf den Boden und setzte sehr bedächtig einen Schritt vor den anderen. Nach wenigen Metern erreichten sie eine ehemalige Klosteranlage.
„Wir befinden uns hier im Bundesstaat Navarra in der Region Rioja, die für ihren guten Wein bekannt ist“, gab Johannes den Reiseleiter.
„Aha“, entgegnete Jesus, „darum sind wir also hier.“
„Nein, nicht wegen des Weins“, sagte Johannes, „mein Bruder hält sich hier sehr oft auf. Er liebt dieses ehemalige Klosterweingut. Es befindet sich am Anfang des spanisch-en Jakobsweges und hier muss er manchmal einige Pilger ermutigen, sich tatsächlich auf den, von hier aus noch siebenhundert Kilometer weiten Weg zu machen.“
Johannes, Jesus und Michael beobachteten eine kleine Pilgergruppe, die an ihnen vorbei, durch ein großes eisernes Tor abbog.
„Das ist der Weinbrunnen des Klosters“, erklärte Johannes, „hier können sich die Pilger mit frischem Wasser versorgen und eine Kostprobe des Rotweins genießen.“
„Also doch“, grinste Jesus und folgte dem Beispiel der Pilger. Neben einem Hahn, aus dem Wasser floss, gab es einen zweiten, der bei Betätigung eine kleine Menge Rotwein spendierte.
„Auf jeden Fall werden die Pilger hier auf dem Jakobsweg sehr gut versorgt“, sagte Michael, der ebenfalls den Rotwein probierte.
„Den kostenlosen Rotwein gibt es nur hier“, sagte Johannes, „aber guter Wein gehört auf dem ganzen Weg zu den Abendmahlzeiten – wie bei uns damals.“
Die Sonne stand nun genau über ihnen am Himmel und die Temperatur stieg merklich an. Die Pilgergruppe hatte sich ein schattiges Plätzchen zur Rast gesucht.
„Kommt, ich zeige euch das ehemalige Kloster“, sagte Johannes, „da ist es angenehm kühl.“
Durch eine massive, doppelflügelige Holztüre betraten sie das alte Gemäuer und gelangten über einen Rundgang zum Innenhof. Dieser war von zahlreichen Säulen um-geben und gab den Blick frei in einen blühenden Garten mit großen Palmen. Aus zwei reich verzierten, runden Steinbrunnen plätscherte Wasser. Das, in der Mittagshitze als sehr angenehm empfundene Geräusch, hallte zwischen den hohen erdfarbenen Mauern wider und verlieh dem kleinen Innenhof eine paradiesische Atmosphäre. Die drei legten sich zwischen die Brunnen ins Gras und blickten in den strahlend blauen Himmel.
„Eine sehr schöne Energie herrscht hier“, sagte Jesus entspannt, „in diesen Mauern haben gute Menschen gute Taten vollbracht.“
„Das kannst du spüren?“ fragte Michael.
„Ja. Schließe die Augen und lass deinen Gedanken freien Lauf. Mit der Zeit werden sich vor deinem inneren Auge Bilder zeigen, von denen eine hohe Emotionalität ausgeht. Versuche, diese Emotion zu fühlen, dann kannst du es auch spüren.“
Michael tat, was Jesus ihm sagte und nach einer Weile zog ein Lächeln über sein Gesicht, das kurz darauf wieder verschwand.
„Kann ich mit meinem inneren Auge auch lautes Vogelgezwitscher wahrnehmen?“ fragte er mit immer noch geschlossenen Augen.
„Könntest du“, antwortete ihm Johannes und lachte, „aber was du da gerade hörst, hat nichts mit deinem innerem Auge zu tun.“
Michael öffnete seine Augen und richtete sich auf. Mit einem Blinzeln schaute er auf einen der Brunnen, auf dem sich zwei farbenprächtige Vögel niedergelassen hatten. Sie plantschten im Becken des Brunnens und schienen, ihrer Lautstärke nach zu urteilen, großen Spaß dabei zu haben. Michael war davon so fasziniert, dass er sich erhob und zum Brunnen herüber ging. Er erwartete, dass ihn die Vögel nicht wahrnehmen konnten, und erschrak, als sich einer von ihnen auf seinen Arm setzte. Mit großen Augen blickte er den Vogel an, der seelenruhig sein buntes Gefieder putzte.